Spaß mit Depressionen

Kein Schwein ruft mich an.

Ein Zustand, der schleunigst geändert werden muss. Das ist leider ein häufiges Problem, das chronisches Glück, gepaart mit einem sorgenfreien Leben, mit sich bringt. Die Zuwendung, die einem durch eine ordentliche Krise zuteil wird, fehlt. Also was tun, wenn alles so gut läuft, dass sich Freunde und Familie keine Sorgen mehr um einen machen?

Ganz klar, es ist Zeit für eine Depression.

 

Aber keine der Depressionen, wie sie im Lexikon der Psychologie zu finden sind. Still vor sich hinleiden lässt einen Menschen zwar Trost bei Schokolade, dem Fernseher oder im Bad in Selbstmitleid finden, sicher aber nicht zeitnah bei den nahestehenden Menschen. Also lieber eine Depression, die sich vor allem durch laute Seufzer, theatralische Blicke in die Ferne, vorgetäuschte Wehwehchen und ein vehementes Ablehnen von jedem klärenden Gespräch äußern. Nichts macht Freunde wahnsinniger, als nicht an den Leidenden heranzukommen. Die sorgenvollen Gespräche und Mutmaßungen über das Leben des depressiven Freundes in seiner Abwesenheit sind die besten Garanten dafür, der Star auf jeder Party zu sein, selbst wenn er nicht erscheint.

Diese Art der Aufmerksamkeit befriedigt aber noch nicht direkt und aufbauend genug.

 

Um bloß nicht aus der richtigen Stimmung, die für die nächsten Schritte erforderlich ist, zu fallen, ist Arthur Schopenhauer als Lektüre bestens geeignet. Um nur ein Beispiel seiner lebensfrohen Äußerungen zu nennen, hier ein Zitat von ihm:

 

Es ist wirklich unglaublich, wie nichtssagend und bedeutungsleer, von außen betrachtet, und wie dumpf und besinnungslos, von innen empfunden, das Leben der allermeisten Menschen dahinfließt. Es ist ein mattes Sehnen und quälen, ein träumerisches Taumeln durch die vier Lebensalter hindurch zum Tode, unter Begleitung einer Reihe trivialer Gedanken.

(Die Welt als Wille und Vorstellung, 1819)

 

Das sollte für einen zutiefst betrübten Post auf Facebook oder Twitter ausreichen, um eine noch breitere Masse an Bekannten betroffen zu machen. Wenn Schopenhauer dann doch zu heftig für die Follower der eigenen Seite ist, tut es sicher auch ein Zitat von Rammstein oder Adele. Nichts gibt einem mehr Genugtuung als 36 Likes und 5 Fragen, was denn los sei, in den Kommentaren.

Natürlich antwortet man mit der strikten Verweigerung der Information, ja, so schrecklich muss der Grund sein.

Soziale Netzwerke sind das perfekte Werkzeug zur Verbreitung von kollektivem Mitleid.

 

Besonders gut geeignet für Treuebekenntnisse zu der großen Liebe des Lebens, der Familienpackung Eis, vor den vor Mitleid schmelzenden Followern, sind der Valentinstag und Weihnachten. Die Betonung muss stets auf der Ungerechtigkeit des Lebens liegen, die einen diese Kuscheltage alleine fristen lässt.

Vielleicht staubt man so sogar noch ein paar Komplimente für seine schlanke Linie ab, die durch Suppenkellenweise verspeistes Eis sicher keinen Schaden findet.

 

Für die Menschen, die nicht so internetaffin sind, ist die nächste Party im Freundeskreis der Angriffspunkt.

Selbst wenn man nur 3 Mal am Sektglas genippt hat. Ein ordentlicher Alkoholrausch ist immer ein Anlass für verantwortungsvolle Freunde, sich um das Opfer der eigenen Schwäche zu kümmern. Also muss man einfach so oft und unsubtil wie möglich erwähnen, wie dicht man doch schon ist. Am besten noch eine Kreislaufschwäche vortäuschen und schon sitzt man mit einer lieben Seele draußen auf der Gartenbank, redet über das Leben und Gott und die Welt. So verpasst man wenigstens gemeinsam das rauschende Fest.

Beistand ist auch eine sehr heilsame Methode gegen den Weltschmerz den das fehlen der Aufmerksamkeit der Umwelt verursacht.

 

Wenn alle diese Tipps ausprobiert wurden und das unzufriedene Gefühl doch nicht verschwinden will, ist es vermutlich Zeit, zurück zur Ausgangsglücklichkeit zu kehren.

Die ist vielleicht leiser und bescheidener als die Depressionszufriedenheit, aber sicher besser als nichts.

 

Bildquelle: Etsy

2 Antworten
  1. PiOderPe
    PiOderPe says:

    Neues Schlagwort: „Die Pokémon-Sucht schlägt zu.“ Illustriert durch Fotos von bestussten Fans überall, oft in gebückter Haltung, in Schopenhauers „träumerischem Taumeln“? Können besagte Fans so ihr „unzufriedenes Gefühl“ befrieden? Oder hätten sie besser den Euro-Fußballern zugejubelt. Why not? Ich frage die Autorin, sind das gute Zeiten zum Ausleben geliebter Depressionen?

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    • Ida
      Ida says:

      Ich muss sagen, dass ich Pokémon selber ziemlich mag… Und ich mag Spiele… Und mein Handy… Und überhaupt daddele ich selber sehr gerne und oft. Ich kann mir also an die eigene Nase fassen, auch wenn ich Pokémon Go (noch) nicht installiert habe. 😉 Zu der Sucht muss ich trotzdem sagen: Die Menge macht es. Die Menschen suchen schon immer nach Zerstreuung und haben ihre Laster. In 2 Monaten sind es wieder Facebook und World of Warcraft. Sobald man aber seine Freunde, die Arbeit oder das Duschen vernachlässigt macht man was falsch. Wenn das nicht der Fall ist: Ein Hoch aufs Daddeln! O/

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